Geschichte als lebendige Gegenwart im Museum

Erinnerungsstücke im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven

Eine gehäkelte, zu Anfang des Jahrhunderts in der zurückgelassenen Heimat hergestellte Tischdecke, die immer Sonntags aufgelegt wurde, eingedeckt mit Teegeschirr und Apfelkuchen, wird über die biografische Erzählung zum kostbaren Gegenstand – ein Objekt, welches in der ausgewanderten Familie über Generationen bewahrt und selbst von ihr als „Heimwehdecke“ betitelt wurde.

Im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven, dem Migrationsmuseum in Deutschland wird die Aus- und Einwanderungsgeschichte neben der didaktischen Informationsebene über Biografien beschrieben. Das erstaunliche an der Beschäftigung mit Erinnerungsstücken von Aus- oder Einwanderern ist die Bedeutungsgeschichte von Erinnerungsobjekten: Im Museum erhält ein Erinnerungsstück, welches auf dem Flohmarkt vielleicht für ein bis zwei Euro zu erstehen wäre, schlagartig einen für die Migrationsforschung deutscher Auswanderung nach Amerika unschätzbaren Wert. Auf einmal steht diese Tischdecke als Zeugnis für Auswanderung, Heimatgefühle, Sehnsucht, Tradition und dem Versuch, die alten Bräuche in der Neuen Welt zu bewahren. Nicht der materielle Wert oder eine einzigartige Kunstfertigkeit machen die Bedeutung des Gegenstandes aus, sondern besonders seine immaterielle Geschichte.

Andreas Heller

Aus der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses: Erinnerungsstück von Auswanderern. Foto © Constantin Heller